”Sägen, Schleifen, Bläuen und Vergolden”

Seminar S

Till Lottermanns Seminar-Werkstatt für komplizierte Uhren im Eigenbau

(thh) Bereits seit 18 Jahren gibt es in der alten Scheune in Mannheim-Seckenheim die beliebten Uhrenseminare bei Till Lottermann und Franz Wolff. In fast 300 Zweitageskursen bauten 2000 begeisterte Freunde hochwertiger mechanischer Armbanduhren ihre ganz eigene Uhr zusammen. Während in den ersten Jahren Molnja-Werke benutzt wurden, bauen die Teilnehmer heute die robusten und bewährten UNITAS- Werke (6497) auseinander, um- und wieder zusammen.
Im ersten Kurs, der wirklich für Jedermann geeignet ist, der über eine ruhige Hand und ein gutes Nahsehen verfügt, wird der Teilnehmer zunächst fachkundig in die Welt der Uhren eingeführt und mit den wichtigsten Bauteilen in der Theorie vertraut gemacht. Und Franz Wolff doziert nicht nur kompetent, nein, er erzählt darüber hinaus auch zahlreiche Geschichten aus der Horlogerie. Dabei bekommt dann auch die eine oder andere große Marke ihr Fett weg, aber das gehört bei einem Kurs, bei dem der Teilnehmer selbst aktiv wird, auch dazu. 

Die Zeit vergeht, wie im Fluge, oder besser gesagt, wie bei einer schnell schwingenden Unruh... Diese ist dann auch das Herzstück des Werkes, das die Teilnehmer dann unter Anleitung von Till und Franz komplett zerlegen. Dabei lernen die „Azubis” alle wichtigen Komponenten einer Uhr einzeln kennen. Viele Stöhnen jetzt schon und glauben, nie wieder eine vollständige Uhr aus den Einzelteilen herstellen zu können, aber die beiden Seminarleiter sind mit Rat und Tat und einer immer gerne helfenden Hand zur Stelle, wenn es brenzlig wird. Schließlich soll am Ende der zwei Tage doch jede Uhr perfekt und genau laufen.

Die Mittagspause, bei der die Teilnehmer mit herzhaften Speisen verwöhnt werden, nutzen viele natürlich zum Fachsimpeln. Die Frage „glaubst Du, Du kriegst sie wieder zusammen?” und der Austausch über den eignen Uhrenbestand zuhause wechseln einander ab. Dann kommen ein paar Verschönerungsarbeiten, die der Kenner als „Genfer Streifen” kennt und auch gerne hoch bezahlt. Nun bringt jeder Teilnehmer mit einer Schleifmaschine millimetergenau sein ganz persönliches Streifenmuster auf die Brücken und Kloben der Uhr auf. Im Folgenden lernt man, wie man aus langweilig silberfarbenen, echte thermisch gebläute Schrauben herstellt. Das ist im Seminar viel filigrane Handarbeit, aber ein jeder bekommt glänzende Augen, wenn er seine selbst hergestellten hochglänzend polierten, blauen Schrauben in Händen hält. Wenn alle Teile veredelt sind, kommen diese in die galvanische Vergoldungsanlage und schimmern nun in einem wunderschönen, leicht rötlichen Goldton. Nach der abschließenden Reinigung aller Elemente im Ultraschallbad, folgt das spannende Zusammenfügen aller Teile zur fertigen Uhr. Dabei muss man nun sehr darauf achten, die bearbeiteten und edel finissierten Teile nicht mit bloßen Fingern zu berühren. Sehr schnell hinterlässt man Fingerabdrücke und kleine Kratzer. Till und Franz kontrollieren zum Abschluss jede einzelne Uhr und legen sie auf die sog. Zeitwaage. Dieses Gerät protokolliert das Ticken der Uhr und zeigt es auf einem Papierstreifen mit kleinen Strichen an, die im besten Fall auf einer schönen, geraden Linie liegen. Ist das nicht der Fall, wird an der Unruh nachjustiert, bis die Uhr einen präzisen Gang vorweisen kann. Nun hält jeder Seminarteilnehmer SEINE ganz persönliche Uhr in Händen, die genau so, niemand anderes auf der Welt besitzt, denn bei soviel feinteiliger Handarbeit ist kein Schliff wie der andere, keine Schraube gleicht einer zweiten- alles Einzelstücke sozusagen!

Vier bis acht glückliche Besitzer einer individuellen „Selfmade-Uhr” der gehobenen mechanischen Kategorie, verlassen die Lottermann´sche Werkstatt mit glänzenden Augen und werden dieses Wochenende sicherlich niemals vergessen. Wer nun eine echte „eigene” Uhr sein Eigen nennt, will definitiv mehr- mehr Nervenkitzel, mehr Wissen, mehr Komplikationen- einfach mehr Uhr...
Diesen Uhrenfreunden mit dem unstillbaren Wissensdurst hilft man bei den Lottermanns mit dem Fortgeschrittenen-Kurs weiter. Auch hier wird dem Seminar-Teilnehmer wieder in einem spannenden theoretischen Teil viel Uhrmacherwissen aus vierhundert Jahren vermittelt und man wird in die Produktion eines Komplikations-Moduls eingeführt.

In diesem Kurs wird aus einem einfachen UNITAS 6497, ein Regulator-Werk, bei dem der Stundenzeiger auf einen Totalisator bei der „3” und der Minutenanzeiger als einziger Zeiger im Zentrum seine Kreise dreht.
Für diese scheinbar einfache Komplikation (so nennt man in der Uhrmacherei Spezialfunktionen, die außerhalb der Standards, wie Stunde, Minute und Sekunde, oft aufwändige Um-und Ausbauten erforderlich machen), bedarf es jedoch einer „Umleitung” der Stundenfunktion auf eine andere Stelle des Uhrwerks.  Diese Umleitung wird mittels eines aufgesetzten sog. Moduls ermöglicht, das über ein eigenes kleines Räderwerk verfügt und aus der Dreizeigeruhr eine außergewöhnliche Uhr mit besonderer Zeitanzeige macht. Nun befinden wir uns schon ein wenig in der klassischen Uhrmacherei, denn wir bauen nicht nur ein Werk auseinander, veredeln es und bauen es wieder zusammen, sondern wir bauen ein eignenes kleines „Wunderwerk” obendrauf. Für dieses Modul haben Till und Franz mit Ihrer CNC-Fräsmaschine eine Messing-Palette mit vorgefrästen Teilen, wie zwei Zahnrädern und der Grundplatine vorbereitet. Diese Teile werden vom Seminarteilnehmer erst einmal von Hand grob ausgesägt, bevor man mit einer historsichen Drehmaschine die Zahnräder so bearbeitet, dass sie saubere Zahnkanten und präzise Maße besitzen. Das zerlegte Werk erhält natürlich auch im Folgekurs eine ganz besondere Bearbeitung. Während es im ersten Kurs einen Genfer Streifenschliff erhielt, zaubert jeder Teilnehmer seinen ganz persönlichen Perlierungsschliff auf die Kloben und Brücken des UNITAS-Werks. Punkt für Punkt entsteht ein wunderbar glänzender Feinschliff, der dem Werk seine ganz besondere Note verleiht. Die Vergoldung ist natürlich auch wieder Standard!

Nun kommt der spannende Moment, in dem sich zeigt, ob beim Bearbeiten der neuen Zahnräder präszise gearbeitet wurde, denn schon Abweichungen von wenigen hundertstel Millimeter können die Funktion des Moduls zum Stillstand bringen. Vielleicht erinnert man sich noch ein wenig an die Reihenfolge der Teile beim Zusammenbau aus dem ersten Kurs, aber dennoch ist das zarte Ineinandergreifen winzigster Radzähne und extrem kleiner Bauteile immer wieder eine Herausforderung und bedarf der Anleitung von Till und Franz.

Behutsam werden nun die Brücken und Kloben positioniert und mit den winzigen Schrauben fixiert. Auf der Zifferblattseite kommt dann das im Seminar hergestellte Modul zum Einsatz und mit Spannung erwarten alle Teilnehmer- und immer wieder auch Teilnehmerinnen, das erste „Anwerfen” der Unruh. Und wenn sie dann freudig tickt, weiß man zwar, dass man vieles richtig gemacht hat, aber ob das Räderwerk, das man in vielen einzelnen Arbeitsschritten ausgesägt, geschliffen, poliert gereinigt und zum Regulator-Modul zusammengebaut hat auch präzise seine Arbeit verrichtet, zeigt oft erst die Zeitwaage. Manchmal muss das Modul noch einmal zerlegt und neu aufgebaut werden, aber wichtig ist, dass auch am Ende dieser zwei Seminartage jeder Teilnehmer seine Uhr mit nach Hause nehmen kann- eine echte Eigenanfertigung eines Regulator-Werks mit Vergoldung und Veredelung. Und wenn noch Zeit ist, auch mit polierten und gebläuten Schrauben.

Till Lottermann und Franz Wolff lassen beim Fortgeschrittenenkurs die Herzen der Seminar-Teilnehmer höher schlagen, denn wer sich mit der Haute Horlogerie beschäftigt, der weiß, dass der Einbau einer Komplikation in eine Armbanduhr ein großes und herausforderndes Unterfangen ist, dem man Respekt zu zollen hat. Die Möglichkeit ein solches Komplikationsuhrwerk selbst zu bauen und auch zu verstehen, versetzt den Uhrenliebhaber in Glücksgefühle, die im Takt ihrer eigenproduzierten Uhr ticken. Zwar ist das Modul direkt unter dem Zifferblatt später bei der fertigen Uhr nicht sichtbar, aber jeder, der eines gebaut hat, weiß, welch kleines Wunderwerk der Technik sich hier im Rhythmus des UNITAS 6497 mit 18000 Halbschwingungen pro Stunde bewegt. Diese Seminare machen nicht nur Spaß, sie vermitteln ein großes Wissen und vor allem, sie machen glücklich!
Auf dem Foto 1 sieht man die Vorfertigung der Platine und des Räderwerks auf der CNC-Maschine.