Ungewöhnliche Zeitmesser „Made in Seckenheim”

Lottermann Uhr S

(thh) Till Lottermann wurde 1961 in Mannheim geboren. Nach dem Abitur machte er eine Ausbildung zum Augenoptiker und entdeckte seine Liebe für schöne alte Dinge und Uhren. So kam es, dass er in seinem erlernten Beruf nicht lange tätig war und 1987 eine Ausbildung zum Uhrmacher begann. Nur vier Jahre später absolvierte er die Meisterprüfung. Sein Meisterstück, eine Tischuhr mit allerlei Komplikationen, zeigt er heute noch mit großem Stolz, denn sie hat einige Spezialitäten, die Lottermann nur mir großem Aufwand installieren konnte.
Tills Bruder Ralf wurde Schreiner und so schlossen sich beide zusammen und eröffneten die Firma „Lottermann & Söhne”. Sie restaurierten antike Möbel und handelten mit Antiquitäten.
Tills große Leidenschaft aber galt schon immer den Zeitmessern aus allen Phasen ihrer Entwicklung. Till bildete sich weiter und eignete sich ein umfassendes Wissen über Großuhren an. Er gilt heute als einer der wenigen Fachleute für Turmuhren und Großuhren aller Art. Aber auch elektrische Uhren, Französische Pendulen, Tisch- und Schrankuhren in allen Variationen, standen nun täglich auf seinem Arbeitszettel und er vertiefte sich intensiv in die Herstellungsarten alter Uhrmachermeister. Auf diese Weise erlangte er ein großes Fachwissen auf diesem Gebiet und so ist es heute kein Wunder, wenn Museen und Sammler aus aller Welt seine Dienste in Anspruch nehmen. So gehört der Peterhof zu St. Petersburg mit seiner umfassenden Sammlung edelster historischer Uhren, ebenso zu seinem Kundenkreis, wie die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim, die auch mal churfürstliche Uhrenkunstwerke bei ihm restaurieren lassen.
Heute ist Till Lottermann nicht nur ein gefragter Fachmann in Sachen historische Uhr, sondern auch ein kreativer Gestalter und Entwickler besonderer Uhren für den alltäglichen Gebrauch.
Zusammen mit seinem Mitarbeiter, Franz Wolff, den er von 1996 bis 2001 zum Uhrmacher und später auch zum Meister ausbildete, arbeitet er unentwegt daran, Uhren herzustellen, die anders sind, als die Standards, die nicht alltägliche Veränderungen und Komplikationen haben, die einfach im sprichwörtlichen Sinn, etwas „anders ticken”, als „normale” Uhren. So haben Till Lottermann und Franz Wolff bereits ein eigenes Tourbillon, die „hohe Schule der Uhrmacherkunst”, hergestellt, eine ausgefallene Uhr mit Planetengetriebe sowie eine, in allen Ecken der Erde besonders präzise, Weltzeituhr produziert. Diese Arbeiten sind dann aber, so schildert Till, weit mehr als nur uhrmacherische Tätigkeiten. Da ist dann eine ganz gehörige Portion Ingenieursleistung mit am Start.

Im Jahr 2004 investierte Lottermann eine große Summe in eine CNC-Maschine, die es ihm heute ermöglicht, Uhrenteile selbst herzustellen. Das ist allerdings keineswegs vergleichbar mit einem 3D-Druck, mit dem man mal eben schnell ein Ersatzteil bauen kann. Bis ein Fertigungsteil auf der CNC-Maschine produziert werden kann, muss die Maschine das erst einmal „erlernen”. Schritt für Schritt wird die Abfolge der Arbeitsphasen programmiert, bis am Ende ein perfektes, bis auf wenige hundertstel Millimeter präzises, Bauteil vorliegt. Da es in diesen kleinen Maßstäben, in denen sich Uhrmacher nun mal naturgemäß bewegen, kaum adäquate Messgeräte gibt, hat Franz Wolff die nötigen Apparate aus Teilen eines russischen Molnja-Werkes erst einmal selbstgebaut.
Wenn den beiden „Uhrmacher-Künstlern” heute zutage etwas einfällt, was die Welt noch nicht kennt, dann bauen sie es sich selbst. Mit Hilfe modernster Technik zwar, aber mit einem unglaublichen Repertoire an Fachwissen aus vier Jahrhunderten. „Wenn man versteht, wie die Menschen vor hunderten Jahren Uhren gebaut haben, kann man vieles besser verstehen, anders betrachten und dann weiterentwickeln!”, so beschreibt Till Lottermann seine Leidenschaft für historische Technik weiter. Dabei schlägt er ein uraltes Buch aus dem 16. Jahrhundert auf und zeigt eine Schemazeichnung eines Uhrwerks. Es ist wahrlich unglaublich, mit welcher Präzision die Uhrmacher vor langer Zeit bereits Uhren herstellen konnten, obgleich ihnen heutige Werkzeuge nicht zur Verfügung standen. So mussten sich auch diese Meister der Uhrmacherkunst noch viele Maschinen und Hilfswerkzeug selbst herstellen, bevor sie sich an die Produktion machen konnten.
Die Uhren aus dem Hause „Lottermann & Söhne” sind nicht „von der Stange” und so kann man mit Fug und Recht behaupten, nirgends bekommt man noch soviel Handarbeit und individuelle Fertigung zu solch bezahlbaren Preisen, wie hier im Herzen von Seckenheim.

Franz Wolff, 1970 in Mannheim geboren, ging ebenso nach dem Studium der Biologie beruflich zunächst in die „falsche Richtung”. Auch bei ihm schlug die Leidenschaft für „alles was tickt” erst später zu und so begab sich Franz Wolff auf den Weg zum Uhrenfachmann mit ingenieurswissenschaftlichen Ambitionen. Auch er hat es sich zur Aufgabe gemacht, bezahlbare Uhren zu konstruieren und zu bauen, die nicht alltäglich sind.
Dabei hat er sich die Programmierungsarbeiten an der CNC-Maschine vollkommen selbständig beigebracht. Heute scheint es gar so, als wäre er mit der Schiebelehre und dem CNC-Programm aufgewachsen...
Auf ihren inzwischen zwei CNC-Maschinen, bauen die „Uhrenfreaks” (im positiven Sinn) heute nicht nur unbeschaffbare Ersatzteile für defekte Uhren aus allen denkbaren Zeitaltern, sondern auch Rohteile für die Produktion ihrer eigenen Werke. Auf der rechten Seite sieht man beispielsweise ihre neueste Errungenschaft: Eine invers verbaute Uhr mit kunstvoll skelettiertem Werk und selbst hergestellten Zeigern. Was man hier von oben sieht, ist eigentlich die Uhrrückseite und es es bedarf eines nicht unerheblichen Aufwands, alle Räderwerke so umzubauen, dass der Zeigerlauf, quasi durch das Werk hindurch ermöglicht wird. Was hier einfach aussieht, ist allerdings ein komplexes System, das man nirgends aus dem Baukasten kaufen kann. Alle Teile, die hierzu nötig sind, entstehen in Einzelanfertigung bei „Lottermann & Söhne”.

Legendär bei Uhrenliebhabern sind inzwischen längst die Uhrenseminare, die seit 2002 angeboten werden. In 237 Anfängerkursen und 52 Fortgeschrittenen-Kursen, wurden hier in den vergangenen 18 Jahren rund 1850 Uhren von Seminarteilnehmern selbst gebaut. (Foto linke Seite: Regulator mit Modulaufsatz, Fortgeschrittenenkurs).
Arbeitete man zu Beginn noch mit russischen Molnja-Werken, die besonders robust und einfach konstruiert waren, musste man allmählich auf UNITAS-Werke (6497) umsteigen, da die Produktion bei Molnja eingestellt wurde.
Die Teilnehmer erlernen heute nicht nur die Geschichte der Uhr und die Funktionen ihrer Einzelteile im Detail, sondern auch die handwerkliche Fertigkeit, eine eigene Uhr zu zerlegen, zu veredeln und wieder zusammenzubauen.
Am Ende geht jeder Teilnehmer glücklich mit einer selbstgebauten Uhr am Handgelenk aus der Werkstatt mit der ultimativen Gewissheit, dass die gleiche, oder auch nur ähnliche Uhr, niemand anderes hat.