Die Mannheimer Sternwarte: Barockes Schmuckkästchen im Herzen der „Churpfaltz”

Sternwarte S

Eine Reise in die wissenschaftlich-astronomische Vergangenheit Mannheims von Dr. Kai Budde

Wussten Sie, dass es vor der Mannheimer Sternwarte schon eine frühere, kleinere Sternwarte auf dem Dach des Schwetzinger Schlosses gab? Das zwischen 1764 und 1774 betriebene Observatorium diente dem Hofastronomen Christian Mayer zur Vermessung der Kurpfalz und zu Himmelsbeobachtungen. Durch den angewachsenen Bestand astronomischer Instrumente war das knapp drei Meter im Durchmesser messende Holztürmchen mit beweglicher Kupferkuppel bald zu klein. Christian Mayer, der auf Reisen die Observatorien von Paris, Kopenhagen, Stockholm und St. Petersburg besucht hatte, wünschte sich eine neue Sternwarte in der Nähe des Mannheimer Schlosses. Deshalb unterbreitete er am 31. Dezember 1771 dem Churfürsten Carl Theodor einen detailliert ausgearbeiteten Vorschlag zum Neubau einer Sternwarte in Mannheim.

Am 21. April 1772 bewilligte der Kurfürst den Bau einer neuen Sternwarte in Mannheim. Der Bauplatz lag in Nähe des Residenzschlosses und unmittelbar hinter der Jesuitenkirche, in deren Orden Mayer Mitglied war. Die Grundsteinlegung fand am 1. Oktober 1772 statt. Mayer wählte als Baukörper für die Sternwarte einen achteckigen Turm, dessen vier Hauptseiten genau nach den vier Himmelsrichtungen ausgerichtet waren. Vorbild war für Mayer die Königliche Sternwarte in Paris, ein ebenfalls am Meridian (Nord-Süd-Linie) ausgerichtetes Gebäude. Da Mayer für seine Vorstellungen beim Hofarchitekten Franz Wilhelm Rabaliatti keine Zustimmung fand, wandte er sich an den Festungsingenieur und Artillerie-Leutnant Johann Lacher, der die Risse zur Fassade anfertigte. Nach Lachers Tod ging die Bauleitung wieder an Rabaliatti über, diesmal mit einem Vertrag. Rabaliatti war es auch, der um Geld zu sparen, den Transport der Kupferkuppel von der Schwetzinger Sternwarte für die neue Sternwarte in Mannheim anordnete. Nach zwei Jahren und zwei Monaten Bauzeit bezogen Mayer und sein Gehilfe, der Mathematiker Johann Metzger, am 3. Januar 1775 die Sternwarte. Nach dem Einbau des aus London angelieferten Mauerquadranten und dem Umzug der Schwetzinger Instrumente in den großen Saal der Mannheimer Sternwarte, konnten beide mit der Vermessung des Fixsternhimmels beginnen. Bei ihrer astronomischen Forschung entdeckten sie über 80 Doppelsternpaare, einem Phänomen, dem sich die Astronomie bis dato kaum gewidmet hatte.

Nach Mayers Tod wurde unter seinem Nachfolger Karl Joseph König die Sternwarte äußerlich verändert. Zwischen 1789 und 1791 wurde im Westen, zur Haupteingangsseite, ein Vorbau angebaut, der in Höhe des ersten Obergeschosses (Wohnung des Astronomen) zwei kleine Räume mit fast quadratischer Grundfläche enthielt, die zur Aufnahme in England bestellter Instrumente, nämlich eines Passage-Instruments (Multiplikations-
kreises) und eines (nie gebauten) Äquatorialsektors dienen sollten. Beide Räume hatten- für die Führung der Fernrohre- eine schlitzartige Wandöffnung nach Norden bzw. nach Süden.

Die Mannheimer Sternwarte erfuhr durch die Arbeit ihrer Astronomen internationale Bekanntheit. Im Zeitraum von 105 Jahren forschten die Astronomen Christian Mayer, Johann Metzger, Karl Josef König, Johann Nepomuk Fischer, Peter Ungeschick, Roger Barry, Maurice Henri, Heinrich Christian Schumacher, Friedrich Bernhard G. Nicolai, Eduard Schönfeld und Wilhelm Valentiner am Mannheimer Observatorium.
Die Katalogisierung des Fixsternhimmels, die Berechnung von Umlaufbahnen und Distanzen von Himmelskörpern (Planetoiden und Kometen) sowie die Erfassung von stellaren Nebeln waren die Forschungsfelder der Astronomen.

Unter dem badischen Ingenieur und Landvermesser Johann Gottfried Tulla (auch bekannt durch seine Rheinkorrektur für die Schifffahrt) wurde die Mannheimer Sternwarte der Zentralpunkt (Trigonometrische Nullpunkt) der 1820 begonnenen Triangulierung, welche die Grundlage für die Topographische Landesaufnahme und die Vermessung aller Flurstücke des Großherzogtums Baden bildete. Der Nullpunkt ist durch die geographische Breite mit 49° 29' 15" und die geographische Länge 8° 27' 38" östlich von Greenwich definiert.

Um 1860 war die Beobachtung des Nachthimmels von den unteren Geschossen der Sternwarte unmöglich geworden, sodass man auf die Dachplattform ausweichen musste. Für den neu einzustellenden Astronomen Eduard Schönfeld war bei der Optischen Werkstatt von August Steinheil in München ein neues großes Fernrohr bestellt worden. Dieser „Sechszöller“ wurde auf einer gusseisernen Stativkonstruktion zusammen mit einer neuen Schutzkuppel installiert. Über den Abriss des alten Observationstürmchens und den Aufbau einer neuen Schutzkuppel auf der Plattform schreibt Schönfeld in den Astronomischen Nachrichten : „…Für dieses Instrument ist auf der Plattform der Sternwarte anstatt der alten kleinen Kuppel eine neue Drehkuppel von 15 ‘(Fuß) Durchmesser aufgeführt worden. Der drehbare Teil derselben besteht aus einem mit Segeltuch bespannten und durch Querstäbe von Eisen zusammengehaltenen System von Holzrahmen, das eine sehr rasche Ausgleichung der Temperatur sowie eine sehr leichte Drehung der Kuppel gestattet. Letztere geht auf 4 Kanonenkugeln vor sich, die auf den dazu nöthigen Eisenbahnen (Eisenschienen) aus der bekannten Maschinenfabrik von Kessler in Carlsruhe herrühren…”

Nach Schönfelds Weggang nach Bonn, war es unter dem letzten Mannheimer Astronomen Wilhelm Valentiner offensichtlich, dass man in Mannheim keine guten astronomischen Beobachtungen mehr durchführen konnte. Zu stark waren die Beeinträchtigungen durch die rauchenden Schornsteine der Fabriken. Deshalb beschloss man eine Verlegung der Sternwarte nach Karlsruhe in Verbindung mit einer Professur für Astronomie an der dortigen Technischen Hochschule. Der Umzug von Institut und Instrumenten erfolgte im Frühjahr 1880. Dabei wurde auch die neue Kuppel abgetragen und der Steinheil-Refraktor fand mit einer neuen Montierung Verwendung in der Karlsruher Behelfssternwarte. Die leere Dachfläche mit dem verbliebenen Kreisfundament wurde gegen Regen abgedichtet und ab 1906 für den Einbau einer Camera Obscura genutzt. Vor Beginn des Ersten Weltkrieges musste sie abgebaut werden. Nach dem Kriege in anderer Form wiedereingerichtet, wurde die neue Version wahrscheinlich 1938 abgetragen. Nach Aussagen des Mannheimer Zeitzeugen Robert Metzmaier befand sich im Sommer 1938 ein ca. 1m hohes stabiles Holzgerüst mit Treppe und Geländer auf der Plattform. Darauf befand sich eine Vermessungsstation mit einem Hohlspiegel, einem Scheinwerfer und einem Fernrohr für Signalmessungen.

Am 20. März 1944 entging die Sternwarte nur knapp der Zerstörung: eine Sprengbombe zerstörte den hölzernen Aufbau der Vermessungsstation, durchschlug die Brüstung der Dachplattform und fiel in den Garten. Es entstanden Schäden im Deckenbereich des obersten Stockwerks und an der Fassade.

Im Dezember 1957 beschloss die Stadt Mannheim den Turm vollständig zu renovieren und als Atelierturm für Bildende Künstler auszugestalten. Ziel war außerdem, die Fassade an den ehemaligen Zustand von 1800 anzugleichen. Diese mit einem Kostenaufwand von 158.000 DM durchgeführte Baumaßnahme war 1958 beendet.

Bis zu den Renovierungen von 2013 blieb die alte Sternwarte die Werkstatt vieler Mannheimer Künstler und Künstlerinnen, darunter in der Metropolregion so bekannter Namen wie Jens Trimpin, Gerd Dehof, Walter Stallwitz, Hans Nagel, Norbert Nüssle, Edgar Schmandt, Uta Dorra und Ruth Hutter.

1968 und 1976 waren neue Renovierungsarbeiten an der Fassade der alten Sternwarte nötig geworden. Saurer Regen, Industrieabgase und die Erschütterungen der stark befahrenen Straße hatten Schäden am Verputz und an den Sandsteinteilen der Sternwarte verursacht. Seitdem wurde aber keine Generalsanierung mehr vorgenommen. Im September 1998, am „Tag des offenen Denkmals“, war die Sternwarte mit Führungen der Öffentlichkeit zugänglich. Doch der Zustand des Gebäudes war beschämend. Viele Besucher beklagten den verrußten Eingangsbereich, die ausgetretenen Treppen und den bröselnden Sandstein an der Brüstung der Plattform. Graffiti-Schmierereien an der Außenwand und verwilderte Grünflächen um das Gebäude unterstrichen das Bild der Vernachlässigung. Doch der Stadt Mannheim, die laut Erbbauvertrag für den Unterhalt des Gebäudes bis 2021 verantwortlich war, fehlte es schlicht an Geld.

Um selbst für die Sanierung des Barockgebäudes aktiv zu werden, kam es am 7. September 2010 unter der Führung von Helen Heberer, Mitglied des Landtags von Baden-Württemberg (2006 -2016), zur Gründung des Aktionsbündnisses Alte Sternwarte. Erstes Ziel dieses breit bürgerschaftlich aufgestellten Bündnisses war es, Geld für eine grundlegende Restaurierung der Sternwarte zu sammeln. Zum anderen sollte durch Presseartikel auf den kultur- und technikhistorischen Wert des Gebäudes aufmerksam gemacht werden. Diese Gedanken fanden großen Anklang und die Initiative wurde von den unterschiedlichsten Einrichtungen, Vereinen und Privatpersonen aus der Metropolregion Rhein-Neckar, insbesondere aus Mannheim unterstützt. Dazu zählten der Freundeskreis Mannheimer Planetarium e. V., der Kurpfälzer Konzertchor, die Stiftung Künstlernachlässe Mannheim, die Maler- und Lackierer-Innung Mannheim, der Mannheimer Altertumsverein, das MARCHIVUM (Architektur- und Bauarchiv), die Mozart-Gesellschaft Kurpfalz e.V., das Planetarium Mannheim e. V., die Reiss-Engelhorn-Museen (rem), die Stuckateur-Innung Mannheim, das TECHNOSEUM Landesmuseum für Technik und Arbeit, der Verein Stadtbild e.V., die Werbegemeinschaft Mannheim City e.V. und viele andere mehr.

Um die Finanzierung für die Renovierung anzuschieben und dabei gleichermaßen den Bekanntheitsgrad des Barockbaus in der Mannheimer Bevölkerung zu steigern, startete das Aktionsbündnis Alte Sternwarte am 1. Oktober 2011 die erste einer Folge von unterschiedlichen Veranstaltungen, die Spenden in der Höhe von 200.000 bis 300.000 Euro, so der Wunsch des Bündnisses, generieren sollten. Dahinter stand der Gedanke, dass Stadt und Land je ein Drittel der veranschlagten Restaurierungskosten (Fassade und Dach) von 1,5 Millionen Euro übernehmen sollten; ein weiteres Drittel sollte durch Spenden, bürgerschaftliches Engagement und Einnahmen aus den Veranstaltungen des Aktionsbündnisses aufgebracht werden. Schließlich kamen 1,7 Millionen Euro zusammen. Nun konnte die Restaurierung endlich in Angriff genommen werden.
Zu Beginn der Restaurierungsarbeiten 2013 wurden noch vier Ateliers von den Künstlern Walter Stallwitz, Edgar Schmandt, Uta Dora und Jens Trimpin genutzt. Doch da während der Bauarbeiten Uta Dorra ihr Atelier im dritten Stock, und Jens Trimpin seines im ersten Stock Ende August 2014 aufgaben, konnten beide Räume mit in das Programm der Inneninstandsetzung aufgenommen werden. Lediglich die großen Ateliers im zweiten und im fünften Stock wurden auch während der Bauarbeiten von den Künstlern Stallwitz und Schmandt genutzt und deshalb nicht saniert.

Die Restaurierungsarbeiten dauerten bis Februar 2016. Das Ziel war der größtmögliche Erhalt und die Sicherung der bestehenden historischen Bausubstanz. Mit dem Fortschreiten der Außenrestaurierung wurde im Aktionsbündnis auch über den Wiederaufbau des kleinen Observationstürmchens auf der Plattform diskutiert. Mit einer Rekonstruktion desselben wäre die Restaurierung vollständig und die alte Sternwarte hätte ihre ursprüngliche Silhouette von 1791 zurück. Da dem Turm bisher die sonst für eine Sternwarte typische sphärische Observations-Kuppel auf dem Dach fehlte, war das Gebäude von außen nicht auf den ersten Blick als Sternwarte zu erkennen. Viele Besucher verbanden den Turm mit der Jesuitenkirche in der unmittelbaren Nachbarschaft, einem Stadtmauerturm oder mit einem irgendwie noch zum Schloss gehörigen Bauteil. Mit der Nachbildung des Observationstürmchens wäre auch äußerlich die Bestimmung des Turmes wiederzuerkennen.

Um für die Möglichkeit einer Nachbildung des Observationstürmchens vorbereitet zu sein, wurden alle vorliegenden historischen Quellen, wie Baupläne, bildliche Darstellungen der Sternwarte und Reisebeschreibungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert herangezogen, um ein möglichst getreues Abbild des kleinen Observationstürmchens für eine Rekonstruktion zu erhalten. Grundlegendes dazu trugen bei der Sichtung der schriftlichen und bildlichen Quellen Dr. Kai Budde vom Aktionsbündnis Alte Sternwarte und bei der Planung und Umsetzung der Architekt Lothar Schmucker vom Architekturbüro Schmucker & Partner Mannheim bei.

Vom Wunsch, die Restaurierungsarbeiten mit der Wiederaufsetzung des Observationstürmches zu krönen, hörte eine Mitarbeiterin vom RUFE Rheinhyp-Unterstützungsfonds. Sie sagte über die private Deutsche Stiftung Denkmalschutz für den Wiederaufbau der Kuppel eine zweckgebundene Spende von 100.000 Euro zu. Damit konnte der lang gehegte Wunsch in Erfüllung gehen! Im Juli 2018 wurden der Bauantrag und detaillierte Pläne von Lothar Schmucker/Aktionsbündnis alte Sternwarte beim Technischen Rathaus Mannheim eingereicht. Das wiederentstehende Türmchen sollte keine gemauerte Konstruktion sein, sondern wegen der nicht bekannten Tragfähigkeit der Plattform und wegen Kostenersparnis eine leichte Holz-Eisen-Konstruktion sein, die in zwei Teilen andernorts gefertigt und dann mit einem Kran aufgesetzt werden konnte. Das bei der Konstruktion eingesparte Geld wurde für die Kupferblech-Verkleidung der Kuppel verwendet. Da in dem Türmchen keine Himmelsbeobachtungen mehr stattfinden werden, entfiel auch die Konstruktion einer beweglichen bzw. zu öffnenden Kuppel.
Bei der Abtragung des Behelfsdachs auf der Plattform war man 2013 auf die Überreste des ursprünglichen Sandsteinplattenbodens der 1860 errichteten Zeltkuppel gestoßen: eine erhöhte, runde Mittelplatte aus Sandstein und darum strahlenförmig angeordnete Plattensegmente aus dem gleichen Material. Die Mittelplatte diente einst zur Aufnahme der Dübel für die Montage des gusseisernen Stativs für das Steinheil-Fernrohr. Die heute noch sichtbaren runden, teilweise wieder verfüllten Bohrungen und Vertiefungen in der Mittelplatte belegen das. Diese Sandsteinplatten wurden vor Ort erhalten und bilden heute den Boden des neuen Observationstürmchens.
Wahrscheinlich im Juli 1774 war, um Geld zu sparen, die bewegliche Kupferkuppel der Schwetzinger Sternwarte demontiert, nach Mannheim gebracht und auf der neuen Sternwarte auf das gemauerte Türmchen aufgesetzt worden. Das geht aus einem Kostenvoranschlag vom 12. Juni 1774 des Architekten Franz Wilhelm Rabaliatti hervor, dass das „obern thürmlein von chwetzingen herrein gebracht werden solle”.
Der in der Universitätsbibliothek Heidelberg erhaltene Aufriss der Mannheimer Sternwarte von Johann Lacher zeigt ein Türmchen mit einer sphärischen Kuppel und darauf sitzenden Knauf zur Befestigung eines Blitzableiters. Das Türmchen zeigt eine Fensteröffnung nach Westen.

Die nächsten und bisher genauesten Abbildungen des Türmchens liefert der Architekt und Ingenieur Wilhelm von Traitteur, der zwischen 1791 und 1804 Grundrisse von allen Geschossen, einen Fassadenaufriss von Westen und einem Querschnitt durch den Turm von Ost nach West gezeichnet hatte. So vermittelt der Querschnitt durch das Türmchen den Eindruck, dass es Türen nach Osten, Westen, Süden und Norden hatte, sich im Innern ein trommelartiges Fundament mit einem Stativ für ein Fernrohrs oder einen Quadranten befand. Eine Kostenaufstellung für Schreinerarbeiten aus der Bauzeit unterstreicht die zeichnerische Darstellung mit dem Zitat: „vier Thürn im obern Thürmlein”.

Folgt man der Kolorierung der Bauzeichnungen Traitteurs, so steht Blass-Rosa für das Material Stein; somit wäre das Türmchen auch aus Stein gewesen. Das Material Holz ist auf der Zeichnung mit der Farbe dunkelbraun (Türeinfassungen, Wandverkleidungen, Holzböden) charakterisiert. Das in Blau (Metall) wiedergegebene Dach des Türmchens gibt leider keinen Hinweis darauf, wie es zu öffnen war.
Möglicherweise lief das Dach auf Rollen. Dass die Kuppel einen Mechanismus zur Kuppelöffnung hatte und beweglich war, belegt eine Quelle von 1787: „Den Schluß von diesem Baue macht eine geräumige, mit großen Platten belegte Ebene. In der Mitte dieser Ebene sieht man das lezte aufgemauerte Observatorium von 10 Schuh im Durchschnitte und 15 Schuh Höhe. Die im Mittelpunkt aufgerichtete Säule, und die darüber befindliche Kuppel von Kupfer, so sich künstlich ringsrum bewegen läßt, dienet für einen beweglichen Quadranten.”

Das Türmchen saß - folgt man den Zeichnungen Traitteurs und oben genannter Quelle- auf einem soliden Sandsteinfundament, war gemauert, verputzt und hatte eine bewegliche Kuppel. Im Inneren befand sich ein Sandsteinpodest als Fundament für ein astronomisches Instrument. Ein Kupferstich von Johann Rieger, der eine Szene des Mannheimer Schlossparks mit Sternwarte und Jesuitenkirche darstellt, zeigt deutlich die zwei Kabinette auf dem Altan, den Schutzbau für den Mauerquadranten nach Süden und das Türmchen auf der Plattform als einen achteckigen Baukörper mit Öffnungen nach Westen und Süden sowie drei Segmente des Dachs mit Knauf und Blitzableiter.

Man darf annehmen, dass das Türmchen regelmäßig achteckig war, die vier Hauptseiten hatten Türen. Wahrscheinlich waren sie mit Holzsprossenwerk verglast, ähnlich den Fenstertüren in den Beobachtungssälen der Sternwarte. Die Schmalseiten des Türmchens waren fensterlos.

Das Dach mit der Kuppel dürfte einen Durchmesser von 314 cm bzw. 10 rheinischen Schuh gehabt haben (Mannheim 1711: 1 Rheinischer Schuh entsprach 31,4 cm). Es lag auf einem kleinen Kranzgesims auf. Die Kuppel, eingedeckt mit Kupferblechplatten war in acht oder sechs Segmenten ausgeführt. Die Silhouette entsprach mehr einer Glockenform als einer Halbkugel. Auf dem Kuppeldach befand sich ein Blitzableiter (Fünfspitz). Im Zentrum des Häuschens befand sich ein steinerner Sockel (rund) mit einem auf der Deckplatte zentral angebrachten Gestell/Stativ für einen Quadranten.

Das kleine Türmchen blieb mehr oder weniger in diesem Zustand bis 1860. In den Revolutionskriegen von 1794 - 96 trug es einige Beschädigungen durch französischen und österreichischen Beschuss davon. Als 1798 der französische Astronom de Lalande auf seiner Reise nach Gotha in Mannheim Station machte, notierte er, dass die an exponierter Stelle am Festungswall stehende Sternwarte Spuren von mehr als 20 Kanoneneinschlägen trug. Doch wurden diese Schäden rasch ausgebessert, denn im Protokoll einer Begehung vom 5. Februar 1800 wurden keinerlei gravierende Schäden des Observationstürmchens registriert.
Interessant ist eine Beschreibung des damaligen Hofastronomen Roger Barry über ein Instrument, das nach den Anweisungen seines Vorgängers, des Astronomen Johann Nepomuk Fischer von dem Hofmechaniker David Beyser gebaut worden war und sich auf der Plattform der Sternwarte (vermutlich im Türmchen) befunden hatte. Barry schreibt dazu : „Ein Instrument, das den Namen von Beyser trägt, ganz oben auf dem Turm, von welchem ich weder den Namen noch seinen Gebrauch kenne. Man hatte das Instrument mit zwei Fernrohren ausgestattet, die ich zum Schutz abgenommen habe. Aber das Stativ des Instruments steht noch auf der Basis, in die es mit Blei eingegossen ist. Es ist sehr zerstört...”

Dieses Instrument wurde bald danach abgeräumt. Bis 1860 wurde kein weiteres Instrument auf der Plattform oder in dem Türmchen installiert. Zwar gab es 1811 bei der Anschaffung eines neuen astronomischen Instruments, des Wiederholungskreises von Georg von Reichenbach Überlegungen, ob man den Kreis auf der Plattform in einem neuen, größeren Häuschen integrieren sollte. Das Neue Häuschen, zu dem der Architekt Dyckerhoff die Pläne entwarf, wurde nie gebaut und der Reichenbach-Kreis wurde schließlich in dem südlichen Beobachtungshäuschen auf dem geräumigen Westbalkon aufgestellt.

Wer in der letzten Zeit an der alten Mannheimer Sternwarte vorbeikam und nach oben blickte, mag sich gewundert haben: Auf dem in den letzten Jahren außen und innen renovierten Turm sitzt seit einiger Zeit ein kleines, achteckiges Türmchen mit markanter Kupferhaube, ein ungewohnter Anblick, befand sich doch an dieser Stelle seit Menschengedenken kein Türmchen mehr, genauer seit 159 Jahren nicht. Jedoch im letzten Jahr, am Vormittag des 15. Oktobers 2019 kam eine Replik des ursprünglichen Türmchens auf den Turm zurück. Ein Tieflader brachte den hölzernen Unterbau, hergestellt von der Mannheimer Firma Elsässer und die mit Kupferblech gedeckte Kuppel, gefertigt von dem Käfertaler Spenglermeister Alois Baumann dicht an die alte Sternwarte heran. Unter den Augen vieler Mannheimer Schaulustiger, den Mitgliedern des Aktionsbündnis Alte Sternwarte, des Vereins Stadtbild Mannheim und ihrer Vorsitzenden Helen Heberer hievte ein Autokran zuerst den zwei Tonnen schweren Unterbau, dann die 1,5 Tonnen schwere Kupferkuppel auf die oberste Plattform der Sternwarte, wo beide Teile zusammengefügt wurden. Kurz vor 12 Uhr stand das Beobachtungstürmchen wieder auf der Sternwarte. Damit hatte der Turm seine barocke Silhouette von 1791 zurückerhalten.
In den nachfolgenden Monaten bekam das Türmchen Fenster nach Süden, Westen und Norden und eine Tür nach Osten. Noch fehlt der Blitzableiter als Bekrönung des Kupferdaches. Aber auch er ist bereits bestellt: es soll ein nach alten Vorbildern geschmiedeter „Hemmer’scher Fünfspitz“ werden.