Von der Rheinschifffahrtsakte bis zum Museumsschiff am Neckar

Rheinschifffahrtsakte S

Mannheims maritimes Vermächtnis in den Händen des Schiffahrtsvereins von 1894

Unter diesem Motto fördert der Mannheimer Schiffahrtsverein seit 1894 den Schifferstand und das Binnenschifffahrtsrecht und hat sich die Pflege der Mannheimer Rheinschiffahrts-Akte von 1868 – der „Magna Charta des Verkehrs auf dem Rhein“ – auf die Fahne geschrieben. Der traditionsreiche Verein pflegt mit derzeit rund 160 der Schifffahrt eng verbundenen Mitgliedern, davon rund 30 aktiven Fahrensleuten, das Brauchtum der Schifffahrt und unterstützt bis zum heutigen Tage nach Kräften verschiedene Schifffahrtsmuseen, die beiden Mannheimer Schifferkinderheime und die Hafenkirche.

(thh) Die Ursprünge des MSV gehen auf das Jahr 1894 zurück, als die Mitglieder der aufgelösten Bruderschaften und Gilden der Schiffer in Mannheim den Internationalen Mannheimer Schiffahrtsverein gründeten. 1911 erfolgte die Eintragung als Mannheimer Schifferverein von 1894 e. V. Im Jahr 1975 wurde der Verein umbenannt und heißt seither Mannheimer Schiffahrtsverein von 1894 e. V. In der NS-Zeit war die Arbeit des Vereins eingestellt und wurde erst 1948 mit einer Neugründung wieder aktiviert. 1968 feierte der Verein seinen 75. Geburtstag, den 100. Geburtstag der „Mannheimer Rheinschifffahrtsakte von 1868“ und den „Internationalen Rheinschifffahrtstag“ und errichtete als Gruß an die Binnenschifffahrt den Fahnenmast am Rheinufer und übergab ihn am 17. Oktober 1969 in die Obhut der Stadt Mannheim.

Von 1960 bis 1975 war eine der Hauptaufgaben des MSV, eine bis dahin erworbene Modellsammlung alter Lastkähne und -segler im Maßstab 1:50 zu vervollständigen, zu katalogisieren und zu erhalten. Dazu bildete sich 1977 vor allem aus Mitgliedern des MSV die „Gesellschaft zur Förderung des Deutschen Rheinschifffahrtsmuseum in Mannheim e. V.“. Unter Federführung von Dr. Ludwig Specht und Helmut Kühnle gelang es dem Verein, den Raddampfer MAINZ aus seinem Dornröschenschlaf zu holen, um ihn nach Reparatur- und Umbaumaßnahmen 1986 als Museumsschiff am Neckarufer festzumachen. Hier fand die Modellsammlung ihre dauerhafte Heimat. 2003 wurde sie dem Landesmuseum für Technik und Arbeit (heute TECHNOSEUM) als Dauerleihgabe übergeben. Das Museumsschiff selbst wurde mit anderen Großexponaten dem Landesmuseum von der Fördergesellschaft geschenkt.

Die engen Verbindungen Mannheims mit der Neckar- und Rheinschifffahrt und der Rheinzentralkommission sowie freundschaftliche Bindungen unter den Schifffahrtstreibenden aller Rheinanliegerstaaten zu pflegen, ist heute noch eine der vornehmsten Aufgaben des Mannheimer Schiffahrtsvereins von 1894 e.V. und auch der GBM.
Der Mannheimer Schiffahrtsverein war 1994 maßgeblich an der Gründung der Gesellschaft zur Förderung des Binnenschifffahrtsrechts (GBM) an der Universität Mannheim e. V. beteiligt, der es mit zu verdanken ist, dass 1996 das Institut für Binnenschifffahrtsrecht an der Universität Mannheim ins Leben gerufen werden konnte. Seit Januar 2010 sind das Institut und die Forschungsstelle für Europäisches Transport- und Verkehrsrecht eigene Abteilungen im Institut für Transport- und Verkehrsrecht. Sehr gut haben sich die vom Institut veranstalteten „Mannheimer Tagungen für Binnenschifffahrtsrecht“ in der Branche etabliert.
Der Verein sorgt u.a. für den Erhalt des Museumsufers mit Museumsschiff, Aalschokker, Schiffsschraube & Co. Mannheims „Museumsufer” ist vor allem der für Mannheim bedeutenden Schifffahrt gewidmet. Es ist besonders der Schaffenskraft vieler engagierter Vereinsmitglieder zu verdanken, die viel Zeit und Liebe in den Erhalt und die Verschönerung von Exponaten wie Museumsschiff, Aalschokker, alter Hafenkran, pensioniertes Boot der Wasserschutzpolizei, historische Schiffsschraube usw. investieren, dass sich dieser Neckaruferbereich an der Kurpfalzbrücke zu einem Zentrum der Mannheimer Binneschifffahrtsgeschichte entwickelt hat.
Auch der Schiffermast am Rheinufer will gehegt und gepflegt werden.

Noch rund 20 Schifferseelsorge-Einrichtungen kümmern sich in Deutschland um eine Berufsgruppe, die nicht gerade im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht: die Binnenschiffer. In Mannheim unterstützt der MSV die Schifferseelsorge, die Hafenkirche und das Kirchenschiff und die Schifferkinderheime. Ein weiteres Großexponat des MSV ist die Péniche „WILLI” aus dem Jahr 1909. Auch sie wurde vom MSV vor der Verschrottung gerettet. Heute gehört „WILLI” dem „Verein Historische Binnenschifffahrt” mit Sitz in Muttenz (Schweiz), hat seine Heimat in Erlenbach/Main und besucht immer wieder mal den Mannheimer Hafen.

Bis heute sieht es der Mannheimer Schiffahrtsverein von 1894 e. V. als eine seiner wichtigsten Aufgaben an, die über einen langen Zeitraum gewachsenen engen Verbindungen Mannheims mit der Rheinschifffahrt sowie deren Zentralkommission zu erhalten und freundschaftliche Bindungen unter den Schifffahrtstreibenden aller Rheinuferstaaten zu pflegen. Zur Würdigung dieser Aufgabe veranstaltet der MSV etwa alle zwei bis drei Jahre im Spätherbst anlässlich des Jahrestages der Unterzeichnung der Revidierten Rheinschifffahrtsakte von 1868, der "Mannheimer Akte", das „Mannheimer Schifffahrtsbankett“ im Kurfürstlichen Schloss.
 
Im Mittelpunkt des traditionellen Empfangs im Rittersaal des Mannheimer Schlosses steht die Verleihung der Rheinschifffahrtsplakette der Stadt Mannheim an eine Persönlichkeit, die sich um die internationale Rheinschifffahrt besonders verdient gemacht hat. Diese hohe Auszeichnung wurde dem damaligen Oberbürgermeister 1983 vom MSV vorgeschlagen. Sie wird seit 1984 in Form einer ovalen Platte aus Majolika verliehen. So erhält das Bestehen der ältesten, wenn auch mit Veränderungen heute noch gültigen und praktizierten, europäischen Vereinbarung eine hohe Würdigung bis zum heutigen Tag.

Die Mannheimer Rheinschifffahrtsakte

Die Fesseln der Kleinstaaterei, der willkürlichen Zölle und Abgaben, der Stapel und Vorkaufsrechte der Städte sollten von den ersten (und leider erfolglosen) Freiheitsgedanken zur Rheinschifffahrt im Westfälischen Frieden 1648, über Napoleons strategische und wirtschaftliche Ideen zum freien Handel bis hin zum Octroi 1804 mit der Einrichtung einer Abgabenverwaltung, der Reduzierung der Abgabestellen von 32 auf 12 und einer Vereinheitlichung der Abgaben erstmals gesprengt werden.

Institutionalisiert werden konnten diese ersten Schritte dann zunächst durch die Beschlüsse der Wiener Akte 1815 mit der Einsetzung einer zunächst verwaltenden, streitschlichtenden und kommunizierenden Rheinzentralkommission. Diese war bis 1861 in Mainz, bis 1920 in Mannheim und seitdem in Straßburg als Nachfolge der Octroi-Verwaltung beheimatet. Weitere Errungenschaften waren seit der Mainzer Akte 1831 unter anderem mit die Abschaffung der Stapelrechte der Städte und die beginnenden Auflösung der Schifferzünfte mit verpflichtenden Rangfahrten.

Letztendlich durch den vorläufigen Schlusspunkt, der revidierten Mannheimer Akte von 1868, unterschrieben im Rittersaal des Barockschlosses zu Mannheim von den sechs damaligen Anrainern am 17. Oktober und in Kraft getreten im Juli des Folgejahres. Am 17. Oktober 1868 ging somit vom Mannheimer Schloss ein gewachsenes Vertragswerk hinaus in die Lande, das einen Abschnitt deutscher und vor allem europäischer Geschichte geprägt hat und nach dessen Grundsätzen die Schifffahrt auf dem Rhein auch jetzt noch lebt und weiter leben wird - schrieb Helmut Kühnle, der langjährige Vorsitzende des Mannheimer Schiffahrtsvereins in seinen Ausführungen zur Mannheimer Akte „ Ein Buch mit sieben Siegeln“ am 17. Oktober 1987. Mannheim hätte als Stadt an zwei Flüssen, als Hafenstadt, als Endpunkt – später gemeinsam mit Straßburg – der befahrbaren Rheinstrecke Richtung Süden und somit Tor zum Süden nicht die Bedeutung als eine der großen Handelsstädte und Binnenschifffahrtsmetropolen erlangt, wenn sich die Ideen der vielen Vordenker nicht durchgesetzt hätten. Mannheim ist untrennbar mit der „Mannheimer Akte”, seinen zwei Flüssen, seinem Hafen und mit der Binnenschifffahrt verbunden.

Das Mannheimer Museumsschiff

Doch ein weiterer großer und wichtiger Teil des Aufgabengebietes des MSV ist die Erhaltung des Museumsschiffs. Seit vielen Jahren wachsen die anfallenden Sanierungs- und Instandhaltungskosten des Schiffes dem TECHNOSEUM, zu dem das Schiff seit 1986 gehört, über den Kopf. Es wurde nach Lösungswegen gesucht und der MSV hat sich verständlicherweise nicht damit einverstanden erklärt, das Schiff einfach abzuschreiben, zu verschrotten, oder es nach Düsseldorf zu verholen. Eigentlich sollte es nur „zum TÜV“ doch dann stellte sich heraus, dass weitere kostspielige Instandsetzungsmaßnahmen nötig wären. Deren Finanzierung brachte das Schiff in stürmisches Gewässer. Der historische Seitenraddampfer von 1929, einst als prachtvolles Ausflugsschiff „MAINZ’ auf dem Rhein unterwegs, bot 2.500 Passagieren Platz und war fast 40 Jahre nicht nur das größte Ausstellungsstück des TECHNOSEUMS, sondern auch Ausstellungsort mit ganz besonderem Flair. Der Rundgang durch das Schiff ist eine Reise durch die Geschichte der Binnenschifffahrt, man erfährt außerdem Wissenswertes zur Bergungstaucherei, zur Geschichte der Schifferkinderheime und zur Seelsorge auf dem Wasser. Außerdem konnte man bei Führungen im Kessel- und Maschinenraum die Dampfmaschine und die Schaufelräder in Aktion erleben. Ein ganz besonders Erlebnis! Ein Blick in die Schiffsküche zeigte die beengten Platzverhältnisse, die selbst auf einem luxuriösen Ausflugsdampfer herrschten. Auf engstem Raum wurde für die 2.500 Passagiere gekocht.

Die zweizylindrige Verbund-Dampfmaschine ist ein Highlight des Museumsschiffs. Als später Vertreter der Dampfschiffe besitzt die Maschine schon Merkmale des konkurrierenden Antriebs: Eine Ventilsteuerung regelt den Zutritt und Austritt des Dampfes. Zur Antriebsanlage im Mittelteil des Schiffes gehören zwei Flammrohrkessel, die zunächst mit Kohle, (der Kohleverbrauch lag bei einer Bunkerkapazität von 33 Tonnen bei durchschnittlich 590 Kilogramm in der Stunde) nach dem Umbau in den fünfziger Jahren mit Schweröl befeuert wurden. Sie erzeugen den benötigten Heißdampf. Dieser treibt die exzentergesteuerten Schaufelräder an und liefert zugleich die Energie für den Servomotor der Ruderanlage, für die Pumpen und für einige große Kessel in der Küche. Sogar die Generatoren zur Stromversorgung sind dampfbetrieben. Erst spät baute man einen Dieselmotor-Generator ein, der auch bei kalten Kesseln Strom erzeugte.
Das Museumsschiff „Mannheim“ sieht nun endlich einer möglichen Zukunft in neuer Trägerschaft entgegen. In seiner Sitzung am 2. Juli 2020 hat der Stiftungsrat des TECHNOSEUM beschlossen, den Raddampfer einer Mannheimer Privatinitiative anzubieten. Somit erhält ein neu zu gründender Förderverein die Chance, das Schiff zu sanieren und dann wieder für die Öffentlichkeit zu öffnen. Ein Konglomerat aus mehreren Einzelinstitutionen will sich dieser großen Herausforderung stellen und das Schiff für Mannheim retten.

Der Verein „Gesellschaft zur Förderung des Deutschen Rheinschifffahrtsmuseums e.V.” ist noch immer im Vereinsregister eingetragen, obwohl er seit Jahren nicht mit Leben erfüllt war. Diese Gesellschaft wird nun wiederbelebt und mit Gremien besetzt. Der Vorstand soll mit folgenden Persönlichkeiten bestückt werden : Christian Kühnle, Rolf Götz, Ingeborg Lutz, Sabine Pich, Dr. Hans-Peter Rings und Helen Heberer. Somit werden die Abordnungen folgender Institutionen als Träger des neuen Vereins aktiv tätig werden: MSV, Rhein-Neckar-Industriekultur e.V., MARCHIVUM, Stadtbild e.V., Badische Heimat e.V., Bürgervereine östliche und westliche Innenstadt und der Arbeitskreis Schifffahrt im TECHNOSEUM. Ziel ist jetzt in erster Linie, ca. 500.000 EURO für die Sanierung in der Werft aufzubringen, damit man dann das Schiff Anfang des nächsten Jahres wieder für Besucher öffnen kann.
Das TECHNOSEUM soll die Rücklagen, die für die Sanierung bereits eingeplant waren, zur Verfügung stellen, außerdem hat die Stadt eine Unterstützung zugesagt, deren Höhe allerdings noch nicht definiert ist. Auf dem restaurierten Schiff soll auch wieder ein gutes gastronomsiches Angebot installiert werden, mit dessen Pachteinnahmen die laufenden Kosten für den Betrieb des Museumsschiffs ergänzend gedeckt werden sollen. Die Eichbaum-Brauerei hat da bereits Interesse angemeldet.
Selbstverständlich wird die Ausstellung mit den einzigartigen Modellen wieder als Dauerleihgabe des TECHNOSEUMS zurück auf das Schiff kommen und es werden wieder Führungen und Programme für Schulklassen und Familien angeboten. Na dann: Schiff ahoi in eine hoffentlich strurmfreie Zukunft!